Gebärdensprache Online Wörterbuch
Gehörlos oder Taubstumm?
"Gehörlos" sind alle, die nichts hören. "Gehörlos" sind nicht zwangläufig "taubstumm", im Gegenteil: die meisten Gehörlosen wurden lautsprachlich erzogen, das heisst sie haben (mehr oder weniger gut) sprechen und auch Lippenlesen gelernt. Auch alle jene, die ihr Gehör erst später im Leben durch Krankheit oder einen Unfall verloren haben sind "gehörlos", die meisten von diesen Leuten können sehr gut sprechen.
"Taubstumm" impliziert die Unfähigkeit zu sprechen. Da es dafür nur sehr selten medizinische Gründe gibt, liegt die Ursache meistens in dem Nichterlernen des Sprechens während der Kindheit.
Der Umgang mit Gehörlosen
Gehörlos zu sein ist keine Krankheit, und schon gar nicht ansteckend, auch wenn viele Leute Gehörlose oft genug so behandeln. Gehörlosigkeit ist eine Behinderung, die das Leben erschwert und die Kontaktmöglichkeiten mit andern Menschen mindert, das steht ausser Frage. Für den Hörenden ist es leicht, auf den Gehörlosen einzugehen, schliesslich weiss jeder aus eigener Erfahrung, dass man den meisten Menschen (zB im Auslandsurlaub) "mit Händen und Füssen" noch immer das wichtigste erklären konnte.
Die Menschen haben ganz allgemein Probleme damit, mit Behinderten umzugehen, und bei Gehörlosen kommt die im Alltag auffallende Gebärdensprache dazu. Mehr als einmal hört man "da komm ich mir blöd vor" - meistens von Leuten, die im Urlaub keine Probleme haben, in schlechtestem und gebrochenem italienisch in einem Lokal etwas zu bestellen. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Sprache, die es miteinander zu sprechen gilt, und des grundsätzlichen Bewusstseins der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Zusammenfassend kann gesagt werden: trau dich einfach! Kein Gehörloser wird dich auslachen, wenn du etwas "falsch sagst" oder ein wenig verkrampft bist, im Gegenteil: jedes Bemühen wird normalerweise durch entsprechende Aufmerksamkeit honoriert.
Und auch ein Gedanke sollte einem beim Umgang mit Behinderten nie aus dem Kopf gehen: Die meisten Behinderungen kann man als "gesunder" Mensch jederzeit in einem Sekundenbruchteil bekommen. In der Dusche ausgerutscht, schon sitzt man im Rollstuhl .. ein Silvesterknaller neben einem explodiert, schon hört man nichts mehr ..
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Was ist Gebärdensprache?
Die Gebärdensprache ist die eigentliche Sprache der Gehörlosen. Als Sprache ist sie eine absolut eigenständige Sprache. Auch wenn es länderspezifische Unterschiede gibt, so ist es dennoch eine von der normalen Lautsprache der Hörenden völlig unabhängige Sprache. Fragen wie "Warum schaut die Gebärde für **** so aus?" sind daher nur mässig sinnvoll. Alltagswörter oder einfache Tätigkeiten wie essen, trinken, gehen, lernen, wissen,.. usw sind zwar auch Hörenden leicht verständlich, aber grundsätzlich ist Sprache etwas abstraktes - oder können Sie erklären, warum der Tisch "Tisch" heisst und nicht irgendwie anders? ;))
Die Kommunikation läuft auf zwei Ebenen ab: zum einen gibt es die Gebärden, sie sind das Vokabular des Gehörlosen. Zum Andern gibt es die Mimik, sie entspricht der Grammatik und der Betonung. Zusätzlich wird mit den Lippen das entsprechende Wort in der (lautsprachlichen) Landessprache formuliert, um die Unterscheidung bei Gebärden mit mehreren Bedeutungen zu vereinfachen.
Amtsdeutsch, oder: juristische Perversion in Österreich:
Gebärdensprache ist keine Sprache! Aber ..!
Die Gebärdensprache ist in Österreich nicht als Sprache anerkannt! Interessant, befremdend, verwunderlich, merkwürdig, seltsam, diskreminierend (oder einfach nur dumm) ist dies aus mehreren Gründen:
- Minderheiten: Die Sprache praktisch jeder nationalen oder ethnischen Gruppierung ist in Österreich als Sprache anerkannt, dies trifft auch für kleine Gruppen mit nur geringen Personenanzahlen (wie zB die Roma) zu. Weltweit ist etwa knapp 1 Promille der Menschen stark schwerhörig oder gehörlos. Die Gruppe der Leute, für die die Gebärdensprache die "natürliche" Sprache wäre, umfasst in Österreich etwa 10.000 Menschen ...
- Ämter: Auf Amtswegen muß ein Gehörloser, der sich nicht ausreichend in (der für Ihn fremden) Lautsprache verständigen kann, einen amtlich vereidigten Dolmetsch auf eigene Kosten hinzuziehen.
- Urkunden: der Staat Österreich bietet (oder unterstützt) nirgendwo Kurse für Gebärdensprache an, geschweigedenn Ausbildungen zum Dolmetsch! Trotzdem werden die Ausbildungen von (privaten) Vereinen offiziell anerkannt (für eine Sprache, die es offiziell nicht gibt)
Zusammenfassend: Es gibt etwa 10.000 Personen in Österreich, die eine eigene natürliche Sprache haben, die vom Österreichischen Staat nicht als Sprache anerkannt wird, dennoch benötigen Gehörlose amtlich vereidigte Dolmetsche und müssen diese selbst bezahlen, wobei der Staat keine offiziellen Kurse zur Ausbildung derselben anbietet oder unterstützt, sondern die von (privaten) Vereinen akzeptiert! Diese derartige juristische Perversion ist weltweit einzigartig! Und bei dieser Betrachtung ist noch gar nicht beachtet, daß es sich um eine Behinderung handelt.
Internationale Gebärdensprache?
Gebärdensprache ist (leider noch) nicht international. Jedes Land hat seine eigenen Gebärden, auch wenn die Unterschiede zB zwischen Österreich, Deutschland und Schweiz nur bei etwa 30-40% der Gebärden liegen, so sind amerikanische oder chinesiche Gebärden doch grundsätzlich völlig anders. Der Grund dafür ist einfach: Gehörlose waren (und sind es noch immer) aufgrund ihrer Behinderung nicht so gut in der Lage, Reisen zu unternehmen und somit viele Leute zu treffen. Auch gab es bis vor kurzem keine brauchbare Möglichkeit, Gebärden sinnvoll aufzuzeichnen (wie es nun zB Dank Videotechnik möglich ist), weswegen sie nur immer direkt von Person zu Person weitergegeben werden konnten.
Das bringt mit sich, dass es sogar lokale Dialekte gibt, außerdem sich die Gebärden laufend ein wenig verändern. Wenn Sie heute zB bei der Volkshochschule einen Gebärdensprachekurs belegen, so unterscheiden sich doch einige Gebärden von denen, die zB ein 60jähriger Gehörloser verwendet.
Aber keine Angst: die Unterschiede sind mit wirklich wenig Übung sehr schnell zu erkennen und zu verstehen. (sogar ein Wiener kann einen Tiroler akkustisch verstehen, wenn sich dieser ein klein wenig bemüht ;)
Heute dank Videotechnik, Internet und (bald wohl auch) Bildtelephonie sollten die inzwischen starken Bemühungen, eine internationale Gebärdensprache zu entwickeln, erfolgreich sein.
Wie und Warum lernt man Gebärdensprache?
Gehörlose können nur sehr schwer (hiermit ist jahrelange Übung gemeint) die Sprache der Hörenden lernen - und selbst dann nur unzureichend, schliesslich fehlen grundlegende zur richtigen Anwendung notwendige Fähigkeiten auf physiologischer Ebene. Umgekehrt jedoch es nicht wirklich schwierig: in wenigen Wochen kann jeder Gebärdensprache lernen, ein Hörender benötigt dazu nicht einmal alle Fähigkeiten, die sein Körper mit sich bringt. Ausserdem findet sich praktisch bei jedem immer wieder Gelegenheit, wo man Gebärden sehr gut verwenden könnte - im Prinzip in jeder Situation, in der Sichtkontakt gegeben ist, aber kein Reden möglich oder erwünscht ist (zB räumliche Trennung durch eine Scheibe, (sehr) lautes Umfeld, Einsagen in der Schule ;))
Gebärdensprache-Kurse
Folgende Institutionen bieten offizielleGebärdensprache-Kurse an:
Wiener Volkshochschule
WITAF (Wiener Taubstummen Fürsorgeverband)
Warum.net bietet im kleinen Rahmen "Privatunterricht"
Das internationale Fingeralphabet
Die Grundlage (vor allem am Anfang) stellt das Fingeralphabet dar. Die meisten von
uns Hörenden kennen aus der Schule die oft als "Stummensprache"
bezeichneten Buchstabengebärden, die mit zwei Händen geformt
werden. Diese haben zwar durchaus noch ihre Gültigkeit, jedoch
werden sie von den Jüngeren Gehörlosen praktisch nicht mehr
verwendet. Da eine Hand wesentlich schneller ist als zwei hat
sich ein inzwischen internationales
Fingeralphabet etabliert. Dies sollte als erstes gelernt
werden, da Buchstabieren einen meistens aus der Klemme einer
unbekannten Gebärde rettet.
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Skizzen/Zeichnungen: © Thomas Fellinger |
| Bildbearbeitung: Bayaraa Dovdon | |
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